Labiner Therapeut

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DER HIMMEL IST VOLL!

von Michael Labiner

Offenbarungseid

Er hätte für diese Gelegenheit ja klassischere Garderobe bevorzugt, so eine Art Toga vielleicht. Dennoch musste er zugeben, dass der Chef auch im Businessanzug von Armani eine ausgesprochen gute Figur machte. Und selbst ein erzkonservativer Mensch wie der Papst sah ein, dass brennende Dornenbüsche und dergleichen heute nicht mehr auf Höhe der Zeit waren. Nein, Vision war Vision. Wenn es Gott gefiel, ihm in Gestalt des Vorstandsvorsitzenden der Heaven A.G. zu erscheinen, wer war er dann, am Allmächtigen zu zweifeln?

So spielte Paul XX also verlegen mit der zaghaft entgegen genommenen Visitenkarte, während der Schöpfer ihm aufgebracht mit einem Stapel Excel-Ausdrucke vor der Nase herumfuchtelte.

„Ich habe dir Grosses zu offenbaren, lausche meinen Worten: Der Himmel ist voll!“

Der Papst konnte die Augen nicht von dem grauen Anzug und der blauen Krawatte seines nächtlichen Besuchers wenden. Unorthodox, aber trotzdem stilvoll, doch. Kurzum, er war noch nicht ganz bei der Sache.

„Voll? Oh, das ist schön für dich, Herr. Ich meine, für uns alle. Es...“

„Es ist eine Katastrophe, verstehst du nicht?“

Der Schöpfer wirkte eindeutig angespannt und ungeduldig.

„Alle Kapazitäten sind ausgelastet, nichts mehr zu machen. Wegen Überfüllung geschlossen. Totaler Aufnahmestopp!“

„Da muss sich Petrus wie der Türsteher einer Nobeldisko fühlen, was?“, kicherte der Papst. Unsicherheit verleitet manchmal zu den seltsamsten Äußerungen.


„Du glaubst, dies wäre der Zeitpunkt für schlechte Witze? Machst du dir irgendeine Vorstellung, was die Situation für dich bedeutet? Für die katholische Kirche? Für deine Schäfchen?“

Der Papst sah betreten an seinem schlichten Nachtgewand herunter. Warum mussten sich Visionen auch traditionell zu den unmöglichsten Zeiten einstellen? Sein Leben lang kein Wort aus der Chefetage,  und dann plötzlich das ganz große Donnerwetter -  natürlich so gegen vier Uhr morgens. Und ausgerechnet heute, wo alle guten Nachthemden in der Wäsche waren. Na ja, wer wusste schon, wie spät es im Himmel gerade sein mochte. Vielleicht litt der Boss  unter Jetlag und war deshalb so unwirsch? Das hätte Paul XX gut verstanden, immerhin war er selbst beruflich viel unterwegs.

„Was das für uns gläubige Christenmenschen bedeutet? Äh, dass es Wartelisten gibt?“

„Wartelisten? WARTELISTEN?! Und so was will mein Stellvertreter auf Erden sein...“

Gott schüttelte betrübt das Haupt, dass die weiße Mähne, der lange Bart und die dezent gemusterte Krawatte nur so flogen.

„Worauf denn warten? Dass die Seelen im Himmel wegsterben, hä? Bis wir angebaut haben?“

Der Papst hielt es für angebracht, darauf nicht zu antworten. Wenn Gott rhetorische Fragen stellte, hielt man besser seinen Mund. Stattdessen suchte er seine nackten Beine vorsichtshalber schon mal verstohlen nach Stigmata ab.

„Aber vielleicht möchtest du ja einfach weiter in deinem zölibatären Elfenbeinturm hocken und warten, bis die Erde auch noch aus allen Nähten platzt? Meinst du, die Menschen würden mit dem Zeugen aufhören, nur weil mal ein paar Jahrhunderte nicht gestorben wird? Wohl kaum, dazu habe ich den Vorgang viel zu unterhaltsam angelegt. Da trifft es sich wieder besonders gut, dass ein gewisser Herr oft und gern verkündet hat, Verhütung wäre Sünde!“

„Aber ich dachte...“, stammelte Paul XX, dem der triefende Zynismus nicht entgangen war.

„Ja, du dachtest. Jetzt gebe ich dir mal was zum Nachdenken. Wie wird sich die Nachricht vom totalen Einreiseverbot in das Paradies wohl auf die Moral deiner Schützlinge auswirken? Sodom und Gomorra! Die Rückkehr der Hure von Babylon! Muss ich noch mehr sagen?“

Der Papst duckte sich unter dem tadelnden Blick des Allvaters und maulte kleinlaut:

„Ich kann um diese Uhrzeit einfach nicht richtig überlegen. Sieh mal, gerade noch träume ich in meinem Himmelbett von schönen Dingern... äh, Dingen, da tauchst du plötzlich hier auf und verkündest der Himmel wäre voll. Und dann soll ich so mir nix dir nix mit einem Patentrezept rüberkommen. Ich bin schließlich nicht unfehlbar.“

Falls Gott diese letzte Bemerkung lustig gefunden hatte, zeigte er es nicht. Stattdessen legte er den Kopf schief und sah sein Gegenüber durchdringend an.

„Hm. Na, gut, ich gebe dir eine Woche, dann will ich ein Konzept auf dem Tisch haben. Und zieh dir nächstes mal bitte was Ordentliches über!“


Noch ehe der Papst sich zum Abschied demütig in den Staub werfen konnte, war die Audienz im Schlafgemach auch schon beendet. Die Vision löste sich mit standesgemäßem Donnerhall, Blitzen und Weihrauchwölkchen auf. Zurück blieb ein beträchtlich verwirrter Paul XX, in der Hand eine Visitkarte mit Heiligenschein.


Letzen Abend mal

Das eilig einberufene Konzil ließ sich gar nicht gut an. Offen gesagt, drohte es im Chaos zu versinken, noch ehe es richtig begonnen hatte. Denn kaum hatte der Papst seine Vision verkündet und die beweisträchtige Visitkarte herumgehen lassen, brach Tumult unter den anwesenden Kardinälen und Bischöfen aus. Viele hohe Würdenträger der katholischen Kirche verließen die Sitzung eilends, um sich endlich ausgiebig und ungestraft der Wollust, Völlerei oder anderer Sünden hinzugeben – jetzt war eh schon alles egal. Zwei Bischöfe gestanden sich wortreich ihre Liebe und fielen gleich vor dem heiligen Stuhl übereinander her wie sexuell ausgehungerte Tiere. Ein anderer riss sich die Gewänder vom Leib, schwenkte sie wild über dem Kopf und tanzte nackt in den Gängen des Vatikans. Dabei rief er immer wieder: „Frei! Endlich frei!“

Verbale Entgleisungen bis hin zu wüsten Beschimpfungen der Obrigkeit machten die Runde, doch möchte der Chronist seinen Lesern die unappetitlichen Einzelheiten ersparen. Es soll genügen, zu erwähnen, dass ein massiver Aufmarsch der Schweizer Garde von Nöten war, ehe wieder Ruhe und Ordnung im Sitzungssaal einkehrten. Sodann erhob sich der Papst so würdevoll wie unter den gegebenen Umständen möglich und ergriff das Wort.

„Meine Herren, die Lage ist ernst...“

„...und hoffnungslos!“ rief ein dicker Kardinal hysterisch kichernd dazwischen. Paul XX hatte diesen Witzbold ohnehin nie leiden gemocht, weshalb es ihm eine Genugtuung war, einem der im Rücken aller Anwesenden postierten Gardisten ein Zeichen zu geben. Einen Pikser mit der Lanze später konnte der ehrwürdige Vater ohne weitere Unterbrechungen fortfahren.

„Wie gesagt, die Lage ist ernst. Wie ernst, das hat uns nicht zuletzt gerade die Reaktion so vieler Kollegen bewiesen. Wenn schon die Hüter der Herde in Panik geraten, wie mögen dann erst die Schafe reagieren, wenn sie die Neuigkeiten erfahren? Darf ich also um Vorschläge bitten.“

Betretenes Schweigen. So mancher am Tisch  blickte sehnsuchtsvoll zur Türe und wünschte sich, er wäre auch noch rechtzeitig entwischt. Endlich meldete sich eine Stimme kleinlaut zu Wort.

„Und wenn wir es einfach geheim halten? Wäre das nicht sowieso die Standardvorgehensweise?“


„Daran habe ich natürlich auch als erstes gedacht“, konterte der Papst. „Bloß haben wir es diesmal nicht bloß mit einem Übersetzungsfehler in der Bibel oder irgend einer windigen Prophezeiung zu tun. Ich meine, wir reden hier vom spirituellen Supergau. Da dürfte Vertuschen ausnahmsweise nicht genug sein, da geht es um das Verhindern. Wie stünde ich außerdem vor meinem Gott da, wenn er in sechs Tagen mein Konzept sehen will und ich muss ihm sagen, es besteht nur aus einer Nachrichtensperre. Nein, nein, da müssen wir uns schon mehr anstrengen.“

Also strengte man sich an. Es wurde intensiv nachgedacht, und nachdem die erste Schüchternheit überwunden war, kam das kirchliche Brainstorming so richtig in Fahrt.

„Wenn wir diesen Ami, diesen Walsch noch mal ein Gespräch mit Gott führen ließen – der hat doch so einen  guten Draht zum Chef, dem hat er immerhin persönlich drei Bücher diktiert?“

Der Papst war aufrichtig empört.

 „Nein, das war diesmal meine Vision, ganz allein meine. Walsch hat drei Jahre lang mit Gott geplaudert, ich nur ein paar Minuten. Meinst du, die schenke ich jetzt auch noch diesem Eso-Schnösel?“

„Wir könnten die Moslems um Asyl bitten. Deren Paradies ist zudem mit Jungfrauen ohne Ende ausgestattet!  Das dürfte unsere männlichen Kunden ohnehin mehr reizen, als die Aussicht, bis in alle Ewigkeit auf einer Wolke keusch mit der Harfe zu klimpern.“

„Kannst du auch vergessen. Sämtliche Zielgruppenerhebungen der letzten Jahrhunderte belegen, dass unsere treuesten Steuerzahler die Frauen sind. Die treten auch viel weniger aus. Davon ganz abgesehen: Wer mag im Himmel schon gerne auf Bin Laden treffen?“

„Vielleicht fragen wir mal die Evangelischen um Rat?“, kam es leise von weit hinten.

„Wie bitte? Wer hat das gesagt?!“

Betretenes Schweigen. Schon wieder.

„Ihr bleibt mir alle so lange hier, bis sich der Schuldige gemeldet hat“, verkündete der Papst mit zornrotem Kopf. „Kein Wein, kein Essen, ehe ich nicht weiß, wer in dieser schweren Stunde für die katholische Kirche derart ketzerisches Gedankengut hegt!“

Da stand ein Bischof auf. So ein Jungspund von allerhöchstens 70 Jahren.

„Ich bitte untertänig um Entschuldigung,  war ja nur ein Vorschlag. Von wegen Ökomine und so. Die Juden brauche ich dann wohl gar nicht erst....? OK, schon verstanden. Könnte der Gardist seine Lanze jetzt bitte wieder aus meinem Rücken ziehen?“

So ging es für viele Stunden, ehe ausgerechnet ein Kardinal aus Deutschland einen Gedanken hatte, der erkennbar das Potential für eine endgültige Lösung barg.


„Werte Kollegen. Nicht umsonst wird unser schönes Land seit Menschengedenken von einer
christlichen Partei regiert. Und so wusste ich immer schon, dass die bayerische Asylpolitik direkt vom Himmel diktiert wurde. Jetzt brauchen wir sie eigentlich nur an unser Problem anzupassen.“

Der Papst horchte auf.

„Klingt interessant. Bitte erläutere uns das genauer.“

„Nun, zunächst müssen wir die Zulassungskriterien hochschrauben. Seit dieser Esoterikwelle, den Friedensbewegungen und all diesem Laien-Quatsch kommt doch Hinz und Kunz in den Himmel! Ab sofort sollten alle Aspiranten besser durchleuchtet werden.“

„Das könnte die Heilige Inquisition machen“, rief Paul XX begeistert. „Die Jungs haben eh schon lange nichts mehr zu tun. Exorzismus ist ja seit der kurzen Welle nach diesem Film in den 70ern leider wieder ganz aus der Mode gekommen. Und an die letzte Hexenfolterung kann selbst ich mich kaum noch erinnern. Seit Jahren sitzen die Inquisitoren bloß herum und verfressen einen Haufen Geld. Habe sogar schon daran gedacht, den Verein aufzulösen. Pfeif auf die Tradition, habe ich gedacht.“

„Eben. Eine entsprechend motivierte Initiative muss aber noch einen Schritt weiter gehen, oh Heiliger Vater. Schließlich kann man auf Dauer nicht alle Seelen vom Himmel aussperren. Zumindest wir, die anwesenden Vertreter der heiligen katholischen Kirche, wollen und sollen doch auch nach dem Tode für unsere nimmermüden Bemühungen um das Wohl der Menschheit entlohnt werden.“

Zustimmendes Nicken in der gesamten Runde. Der kirchliche Spitzenfunktionär  aus Deutschland genoss die volle Aufmerksamkeit des mediterranen Top-Managements.

„Ergo müssen wir Platz schaffen. Erst mal alle raus, die aus einem sicheren Drittland wie dem Fegefeuer eingereist sind. Dann alle grauen Schafe aufspüren und aussieben. Wenn man ernsthaft nachforscht, wäre es doch gelacht, wenn sich ein paar schwarze Flecken nicht selbst auf der weißen Weste einer Mutter Theresa fänden. Gandhi mag ja recht friedliebend gewesen sein, aber wie stand es um seine Sexualpraktiken? Hat Franz von Assisi wirklich den ganzen Tag nur Vögel gefüttert, oder war da noch was? Ihr versteht, worauf ich hinauswill?“

Neuerlich kollektives Nicken aller Anwesenden, diesmal noch etwas energischer. Man verstand nur all zu gut. Auch der Papst verstand. Aussiedlung und Umsiedlung waren für Paul XX alias Wazilav Slowki keine Fremdwörter, daran erinnerte sich der alte Mann noch aus seiner Jugend in Polen. So langsam dämmerte ihm das volle Potential des Vorschlags.

„Das ist es! Oh, wie wunderbar, dass du deinen Urlaub hier in unserem neuen Selbstkasteiungs-Center machst, lieber deutscher Kollege. Wir schichten ganz einfach um – vom Himmel ins Fegefeuer und vom Fegefeuer in die Hölle. Welch eine elegante Lösung. Allerdings brauchen wir dazu ein wenig Unterstützung. Aber ich werde mich umgehend an die entsprechende Stelle wenden. Danke für Ihre Mühen, meine Herren. Bitte entschuldigen Sie mich jetzt, ich muss sofort einen dringlichen Brief aufsetzen!“


Damit war die Versammlung auch schon entlassen, der Sitzungssaal leerte sich rasch. Der Papst eilte in seine Büroräume, wo bereits ein ganzes Heer an Sekretären darauf wartete, das Diktat aufzunehmen. Der bayerische Kardinal träumte beim Hinausgehen von der Heiligsprechung, alle anderen von profaneren Dingen.

Advocatus diaboli


Geschätzter Herr Luzifer,

darf ich Ihnen zunächst meine Hochachtung aussprechen: Als großer Widersacher leisten Sie seit Äonen hervorragende Arbeit! Ich bewundere immer wieder, wie es Ihnen gelingt, diese sensible Balance zwischen Gut und Böse herzustellen und zu halten. Wir mögen Konkurrenten sein, doch ohne Ihren aufopfernden Einsatz für das Böse in dieser Welt, wäre das Gute eben gar nicht möglich. Erst Ihre bravouröse Leistung ist es ja, die das Gute gut werden lässt. Aber wem sage ich das? Wer wüsste besser um die große Polarität als Sie – ein ehemaliger Engel.
Heute sollen Ihre Anstrengungen endlich auch von meiner Seite gewürdigt werden, weshalb ich Ihnen für die kommenden Wochen einen größeren Posten an Seelen in Aussicht stellen kann. Quasi als Bonus für die langjährige Zusammenarbeit (ja, ich spreche ganz bewusst von Zusammenarbeit, werter Satan) möchte ich mich dafür einsetzten, dass ein erkleckliches Kontingent aus dem Fegefeuer in die Hölle, anstatt, wie ursprünglich vorgesehen, den Himmel überführt wird. Na, was sagen Sie dazu? Kann ich auf Ihre Unterstützung zählen?

Mit kollegialen Grüssen,

 Paul XX  (amtlich bestellter Stellvertreter Gottes)

Eines muss man der Hölle lassen: Ob es sie nun wirklich gibt oder nicht, sie arbeitet jedenfalls professionell, effizient und schnell. Wenn es trotzdem einige Tage dauerte, bis Antwort auf die päpstliche Depesche im Vatikan eintraf, dann nur wegen der italienischen Post. Seit Jahren völlig immun gegenüber Dringlichkeit jeder Art war sie mal wieder in den Streik getreten.

Wazilav, alte Schabracke!

Wer ist hier der Prinz der List, du oder ich? Hast du im Ernst gedacht, ich würde mir von einem kleinen Schleimer wie dir Honig ums Maul schmieren lassen? Gedacht, ich würde nicht wissen, dass euch Kuttenpieslern derzeit die Muffe geht, weil Wolke Sieben aus allen Nähten platzt? Da könnte man ja ebenso gut fragen: Scheißt der Papst in den Wald? Ist ein Bär katholisch?


Nicht, dass ich zu wenig Platz hätte. Während sich dein Boss seiner Sache offenbar doch nicht so sicher war, habe ich von Anfang an auf Expansion gesetzt. Warum aber sollte ich euch gerade jetzt meine Kapazitäten zur Verfügung stellen? Sobald sich das mit dem geschlossenen Himmel rumgesprochen hat, herrscht bei mir bald sowieso Hochkonjunktur! Was soll ich stattdessen mit Seelen, die überhaupt nicht richtig böse sind? Wozu habt ihr Katholiken euch schließlich euer Fegefeuer einfallen lassen, wenn nicht als eine Art spiritueller Schnellreinigung? Kurzum, warum sollte ich mir das Lager mit Ausschuss voll stellen, wenn demnächst richtige Leckerbissen wie du und deine Luxuspfaffen auf mich warten?

Du kannst mich mal,

dein Beelzebub (Erzteufel und Höllenfürst)

P.S.: Wie erfahre ich es, wenn mal wieder ein Pfaffe bei mir gelandet ist? Der Rotwein ist alle und der Höllenhund schwanger! Haha.


Er-Lösung

Der heilige Vater war verzweifelt. Vielleicht nicht ganz so verzweifelt wie der Kardinal aus Deutschland, dessen Chance auf Heiligsprechung so schnell wieder (wortwörtlich) zu Hölle gegangen war, wie sie aufgetaucht war. Der verbrachte die letzten Tage seines Urlaubs nun mit Extrem-Kasteiing im Intensivkurs „Mea culpa maxima – 1000 Kalorien Vergebung pro Tag garantiert!“.
Aber nachdem die Aktion „Sauberer Himmel“ so vielversprechend begonnen hatte und dann so kläglich gescheitert war, war auch der Papst mit seinem Latein am Ende. Und das will für einen katholischen Würdenträger ja wohl etwas heißen. Hatte er in den letzten Tagen nicht wirklich alles gegeben? Trotz größter Bemühungen, trotz vieler Diskussionen und Überlegungen war er in der Sache allerdings kein Stück weiter gekommen. Inzwischen war die Frist fast abgelaufen, heute nacht würde Gott von ihm einen Lösungsvorschlag erwarten. Da entschloss er sich zum absolut letzten Mittel: Wazilav zog sich zum Gebet in seine Privatkapelle zurück.

Da kniete er nun vor dem Kruzifix und jammerte unter Tränen des Selbstmitleids:

 „Jesus, warum hast du mich verlassen? Warum gerate ich immer in so ein Schlamassel? Immer und immer wieder! Geboren, um zu leiden, ach. Da geht es mir kein bisschen besser als dir, da brauchst du dir auf deine Kreuzigung nix einbilden. Da...“

Da war doch etwas? Irgendetwas brachte ein Glöckchen in seinem Kopf zum klingeln. Aber was? Er vermochte es nicht recht zu fassen.

„Was habe ich gerade gedacht, Herr?“


Keine Antwort, typisch. Musste er halt selber darauf kommen.

„Jesus hat mich verlassen. Hm, das ist ja wohl nichts Neues. Und, dass ich mal wieder im Schlamassel stecke, auch nicht. Dass ich zum Leiden geboren bin? Immer wieder. Moment Geboren....gleich hab ich’s....wieder....geboren....wiedergeboren! Mein Gott, natürlich!“

Der alte Mann hüpfte vor Begeisterung auf und ab wie ein kleines Kind.

„Wiedergeburt, na klar. Das faule Pack soll es sich fortan nicht mehr für die Ewigkeit im Himmel gemütlich machen, sondern wieder zurück auf die Erde. Nach dem Tode gibt es nur noch einen kleiner Urlaub im Paradies, und dann ab zurück an die Arbeit.  Das sollte die Situation doch entspannen.“

Der heilige Vater brütete noch lange über den Einzelheiten. Den Gläubigen ließ sich die Neuerung gewiss irgendwie verkaufen, zur Not könnte man da bei anderen Religionen abgucken. So hatten etwa die Anthroposophen in dieser Angelegenheit ja seit Jahren Erfahrung. Den kleinen Verein würde man dann einfach schlucken, sobald  die Marketingmaschine der römisch-katholischen Kirche erst richtig angelaufen war – eine freundliche Übernahme unter Christen. Womöglich ließen sich so sogar an andere Sekten verlorene Schäfchen wieder zurück in die Herde führen? Katholizismus mit Kick, da war bestimmt auch die eine oder andere Steuererhöhung drin. Der Papst strahlte vor Glück.

Freilich konnte er im Bett dann kein Auge zutun, dazu war er viel zu aufgeregt. Gegen zwei Uhr morgens erlöste ihn Gott endlich aus der gespannten Erwartungshaltung und erschien. Noch ehe sich die Wolken um die Vision richtig aufgelöst hatten, plapperte Paul XX schon ungeduldig drauf los:

„Alles erledigt, Herr. Alles im Lot, der gute alte Wazislav  hat die Lösung gefunden. Da wirst du aber staunen, wenn du das hörst. Das ist ein Knaller. Ein...“

„Schon gut mein Sohn“, unterbrach ihn Gott unerwartet milde. „Ich sehe, du bist aufgeregt. Aber jetzt nimm dich ein wenig zusammen und lass hören.“

Der Papst räusperte sich und zupfte sein Gewand zurecht. Da er dem Schöpfer diesmal in seinem allerbesten Pyjama gegenübertreten konnte, fiel es ihm bedeutend leichter, sich auf die Würde seines Amtes zu besinnen. Mit vor Stolz geschwellter Brust erklärte er:

„Ich sage nur ein Wort: Wiedergeburt.“

„Ein schönes Wort“

„Und wie schön! Re-in-kar-na-tion. Wiedergeburt. Du musst dich von den Seelen deiner Geschöpfe bloß vorübergehend immer wieder mal trennen, mein Vater. Wenn sie ein Weilchen bei dir im Himmel waren, dann schicke sie einfach zurück auf die Erde. Damit dürfte Überfüllung kein Thema mehr sein.“

Gott lächelte.


„Ich sehe, du hast deine Hausaufgaben gemacht. Aber was sollen sie denn wieder auf der Erde?“

Der Papst hatte sich zwischenzeitlich in Schwung geredet und im Bewusstsein seiner großartigen Leistung als irdischer Statthalter und Quasi-Vize alle Standesdünkel über Bord geworfen.

„Was weiß ich? Lernen, sich bessern, erinnern, wie es im Himmel war. Nach Erleuchtung streben. Steck die Seelen in Babys, der Rest ergibt sich von selbst. Dir wird schon was einfallen, ich kann mich nicht um alles kümmern.“

Die Gestalt in Glorienschein und Businessanzug reagierte erstaunlich gelassen auf diese Respektlosigkeit.

„Alte Seele, junge Seelen, alle zurück zur Erde? Und wenn die Erde voll ist?“

„Dann nimm dir noch mal sieben Tage und erschaffe eine neue, Herrgott noch mal. Wozu ist das Universum unendlich? Reine Platzverschwendung?“

„Du meinst also, die Seelen der Menschen sollten so lange in materielle Sphären zurück kehren, bis sie alle Erfahrungen gemacht und alle Weisheit erlangt haben? Bis sie wieder endgültig gottgleich geworden sind?“

„Meine ich das? Vermutlich.“

„Auch unterschiedliche Welten und unterschiedliche Körper sowie unterschiedliche Gesellschaftsformen wären akzeptabel?“

„Von mir aus, warum nicht. Du bist der Boss.“

Gott lachte freundlich und umarmte den Papst zum Abschied.

„Dann möchte ich dir für deine Weitsicht und die ungewohnte Reformbereitschaft danken. Dein großartiger Einfall sollte alle Probleme lösen, ich werde mich sofort an die Umsetzung machen. Wir sehen uns dann in...nun ja, wenn es soweit ist.“

Damit löste sich die Vision wie gehabt in Wohlgefallen auf. Nur, dass Paul XX dieses Mal wesentlich selbstbewusster zurückblieb. Im guten Gefühl, Himmel und Erde gerettet zu haben, kuschelte er es sich in sein Bett.

„Wenn man nicht alles selber macht...“, murmelte er zufrieden und fiel umgehend in den Schlaf der Gerechten.


Epilog

Irgendwo ganz anders. Das „Nirwana“, Zutritt nur für Erleuchtete. Es herrscht reger Betrieb, allerorten schwirren Gesprächsfetzen durch den exklusiven Club.

„Du musstest 17 mal öfter inkarnieren als ich, ehe man dich hier reingelassen hat, Mohamed. Wenn ich jetzt noch ein Ego hätte, würde ich sagen, ich liege weit vorne.“

 „Aber mein lieber Bhagwan. Hast du da auch die vier Abtreibungen mitgezählt? Und...“

„Verflixt und zugenäht! Ich hab dir schon 100 mal gesagt, du sollst mich gefälligst Osho nennen!“

An einem der vorderen Tische diskutieren Jesus und Moses anlässlich der jüngsten Überschwämmungskatastrophe auf Erden darüber, wie vorzugehen sei, wenn beim Spaziergang ein unerwartetes Gewässer den Weg versperrt. Teilen oder einfach drüber laufen? Zurückgezogen vom Rest der illustren Gesellschaft unterhalten sich Gott und Buddha an einem Tisch in der hintersten Ecke.

„Danke für deinen Tipp. Ohne die kleine Notlüge mit dem vollen Himmel und der leeren Hölle, hätte es die Katholiken wohl noch weitere 2000 Jahre lang nicht gerafft. Aber jetzt, wo der alte Sturschädel glaubt, dass die Reinkarnation seine Idee war, könnte doch noch was daraus werden.“

Gautama prostet Gott mit seiner Teetasse zu und lächelt zuvorkommend.

 „Gern geschehen. So sind wir Menschen nun mal, so hast du es gewollt. Wir können nur sehen, woran wir glauben. Wir können nur glauben, was wir verstehen. Und wir können nur


verstehen, was wir gerade verstehen wollen. Apropos: Ich glaube, du hast im Armani-Zwirn wirklich göttlich ausgesehen. Verstehst du?“

Ihr Gelächter hallte lange durch das Nirwana. Ohne Übertreibung könnte man sagen, wohl eine ganze Ewigkeit lang.


 
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