Labiner Therapeut

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Isi der Spieler

von

Michael Labiner

 Der Isi hat schon immer gespielt. Schon als kleiner Knirps, als die Gewinne noch in Murmeln oder Sammelkarten von Fußballspielern ausbezahlt wurden. Wenn irgendwo um irgendwas gespielt wurde, dann war der Isi dabei. Später habe ich ihn dann nicht mehr so oft gesehen. Weil, ich musste ja jeden Tag in die Werkstatt Hallhuber zur Lehre. Und der Isi musste jeden Tag in die Wirtschaft zum Kurfürst oder in das Cafe Reitschule zum Billard spielen. Oder Zenser. Oder Rommee. Oder Poker. Dass wir uns damals überhaupt noch getroffen haben, ist nur Isis viel längeren Schichten zu verdanken.  Denn während ich morgens um Acht beim Hallhuber anfing und abends um Sechs wieder ging, saß der Isi von Mittags bis lange nach Mitternacht am Spieltisch. Täglich. Und immer pünktlich, darauf war Verlass.

Und wissen Sie was: Der Isi war richtig gut! Ob Billard, Zenser, Rommee oder Poker, der Isi hatte es echt drauf. Naja, genug Übung hatte er ja. Jedenfalls war es nicht leicht, gegen den Isi zu gewinnen, das haben damals alle gesagt. Dass er trotzdem unter dem Strich mehr verloren als gewonnen hat, das lag, so komisch das jetzt klingt, daran, dass der Isi einfach nicht verlieren konnte. Ich meine, er konnte einfach keinen Verlust akzeptieren. Ums Verrecken konnte der das nicht. Oft sind wir zusammen gesessen und es hat ihn total fertig gemacht, dass er so ein guter Spieler war und trotzdem ein Verlierer. Das ganze Erbe von seinem Papa hat er verspielt. Und dem haben immerhin drei Metzgereien gehört! Bloß, weil er nicht verlieren konnte. Ums Verrecken nicht. Wenn er verloren hat, dann ist er durchgedreht, der Isi. Dann hat er so lange weiter gespielt, bis nix, aber auch gar nix mehr übrig war. Einmal hat er mir erzählt, dass er an solchen Tagen richtig froh ist, wenn das Geld endlich ganz weg ist. Wenn er endlich aufhören darf, weil er aufhören muss. War schon ein verrückter Hund, der Isi.

Hab dann geheiratet und bin nach Landshut gezogen. Da habe ich den Isi für ein paar Jahre aus den Augen verloren. Was meinen Sie, wie baff ich war, als er dann plötzlich vor mir stand. Natürlich hatte er ein paar Kilo abgenommen. Trotzdem hab ich ihn gleich wiedererkannt. Obwohl wir in unseren gestreiften Pyjamas ja irgendwie alle gleich aussahen, habe ich ihn auf Anhieb wiedererkannt.

„Isi! Mensch, der Isi – das gibt’s ja nicht! Dass du auch ausgerechnet hier gelandet bist. Was für eine Freude! Oder…naja…“

Isi hat mich angeschaut und sein typisches Isi-Lächeln gelächelt. Irgendwie schief war es. Und irgendwie ein bisschen traurig. Er hat schon verstanden, wie ich das gemeint hatte.

„Micha, ich find´s auch schön, dich wiederzusehen. Und dass es ausgerechnet hier in Dachau ist… ach, scheiß der Hund drauf!“

Scheiß der Hund drauf, das haben wir als Kinder immer gesagt. Zum Beispiel, wenn uns ein Bauer beim Mais-Stehlen erwischt hatte. Oder wenn es danach Ohrfeigen von Papa gab. Ja, scheiß der Hund drauf. Und dann sind wir uns in die Arme gefallen. Natürlich haben wir uns vorher umgesehen, ob auch kein Uniformierter in der Nähe war. Weil sonst hätte so eine Umarmung teuer werden können. Körperliche Berührung war nur bei der Arbeit erlaubt. Wenn man sonst dabei erwischt wurde, gab es drei Tage keine Essensrationen. Oder Schläge. Oder beides, je nachdem, wie der Uniformierte aufgelegt war.

Danach habe ich den Isi nicht mehr oft zu sehen gekriegt. Er hat ja auf den Feldern gearbeitet. Hat Steine ausgegraben. Und Kartoffeln. Und sonst was, meistens was ausgegraben jedenfalls, glaube ich. Und ich habe tagsüber am Verladebahnhof Kisten geschleppt. Nachts war Isi dann in Baracke 11, ich in Baracke 2. Weil die 2 lag näher an den Gleisen. In solchen Dingen sind wir Deutsche ja sehr praktisch veranlagt. Deshalb habe ich dem Isi höchstens noch manchmal beim Apell heimlich zuwinken können.  

Nein, gesehen habe ich ihn kaum noch – aber gehört habe ich von ihm eine ganze Menge. Es hatte sich bald im ganzen Lager herumgesprochen, dass sie in Baracke 11 angeblich ein fast komplettes Deck mit Spielkarten hatten. Nur die Pik 3 und das Karo Ass hätten gefehlt, hat man sich erzählt. Und dabei wurden viele verwunderte Köpfe geschüttelt. Wie die Karten wohl ins Lager gelangt wären und wer sie eingeschmuggelt hat, darüber wurde ausgiebig spekuliert. Na, meine Theorie können Sie sich ja bestimmt denken. Schon überhaupt, weil es nicht lange gedauert hat, dann war von einer regelmäßigen Pokerpartie um Essensrationen in Baracke 11 die Rede. Und von einem ziemlich regelmäßigen Gewinner dieser Rationen. Trotzdem schien mir der Isi bei jedem Apell etwas dünner zu sein. Das ist aber komisch, habe ich mir gedacht. Und dann erinnerte ich mich, dass der Isi noch nie verlieren konnte. Und, dass er deshalb früher schon nie wirklich gewonnen hat. Unter dem Strich, meine ich.

Keine Ahnung, was geschehen wäre, wenn das alles so weitergegangen wäre. Ist es aber nicht. Natürlich nicht. Weil, es war ja bloß eine Frage der Zeit, bis irgendein Aufseher von den Spielkarten Wind kriegen musste. Und von der regelmäßigen Pokerpartie in Baracke 11. Und vom regelmäßigen Gewinner. Dass es ausgerechnet der Klausen war, der schließlich auf den Isi aufmerksam wurde, ist bestimmt kein Zufall. Klausen hatte unter seinesgleichen nämlich selbst einen Ruf als ganz gerissener Pokerspieler. Das habe ich jedenfalls gehört. Sogar, dass er seine Beförderung zum Gauleiter seinerzeit bei einer Partie Poker gewonnen hätte – stellen Sie sich das mal vor! Und, dass er nur deshalb hier in Dachau einfacher Aufseher war, weil er einmal die falsche Leute abgezockt hatte.

Lange Rede, kurzer Sinn: Der Klausen hielt sich für den besten Pokerspieler der Welt. Ganz gewiss besser als dieser Judenbengel in Baracke 11. Also hat er dem Isi eines Tages beim Apell auf die Schulter getippt und ihm etwas ins Ohr geflüstert. Mir ist fast das Herz stehen geblieben, als ich das gesehen habe. Jetzt ist es aus mit dem Isi, da war ich mir ganz sicher! Aber weit gefehlt: Der Klausen hatte dem Isi doch tatsächlich angeboten, mit ihm zu pokern.

Was dann passiert ist, hat es weder vorher noch nachher jemals gegeben in einem deutschen Konzentrationslager – darauf würde sogar ich wetten, und ich wette grundsätzlich nie. Für die Jungs in Baracke 11 brachen goldene Zeiten an. Jeden Abend gegen neun Uhr ist der Isi heimlich aus der Baracke geschlichen, spätestens um zwölf war er zurück. Und immer mit reicher Beute. Anfangs hatte er einen halben oder auch einen ganzen Laib Brot dabei, später sogar Kuchen, Wurst oder Zigaretten. Und er hat immer alles geteilt, wissen Sie. In diesen Wochen wurde der Isi so eine Art Heiliger in Dachau. Selbst Männer, die ihn noch nie persönlich zu Gesicht bekommen hatten, sprachen seinen Namen mit Hochachtung aus.

Eines Nachmittags tauchte der Isi am Bahnhof auf. Erst viel später habe ich erfahren, dass er beim Klausen einen ganzen Wochengewinn gegen die Versetzung für einen Tag eingetauscht hatte. Nur, damit er mir eine Wurst und ein halbes Päckchen Tabak zustecken konnte. Für mich war das wie ein Sechser im Lotto, verstehen Sie? Eine richtige Wurst! Und ein ganzes halbes Päckchen Tabak! Nein, der Isi war schon… bitte entschuldigen Sie, aber wenn ich an die Wurst und den Tabak denke, muss ich heute noch weinen.

An diesem einen Tag haben der Isi und ich also gemeinsam Kisten in Züge verladen. Er war bester Laune, der Isi. Hat mir die ganze Zeit über erzählt, was für ein blöder Schmock der Klausen wäre. Der hielte sich für den  besten Pokerspieler der Welt, dabei sei er höchstens der größte Trottel der Welt. Seit über drei Wochen spielten sie nun schon jede Nacht gegeneinander und nie, nicht ein einziges Mal, hätte der Klausen am Ende vorne gelegen. Was für ein Schmock!

„Aber Isi“, habe ich gesagt, „du musst den Klausen doch auch mal gewinnen lassen. Sonst wird der noch fuchsteufelswild und es passiert sonstwas.“

Doch davon wollte der Isi nichts wissen. Ums Verrecken hätte der den Klausen nicht gewinnen lassen. Das habe ich sofort gesehen. Weil da so ein ganz wildes Funkeln in den Augen vom Isi war, als er gesagt hat:

„Jetzt fängst du auch noch damit an, Micha. Mit derselben Leier liegen mir Schlomo und Fritzchen schon seit Tagen in den Ohren.  Gewinnen soll ich das Schwein lassen, ja? Schlau daherreden, das können sie, der Schlomo und der Fritzchen. Aber das zusätzliche Brot nehmen sie gerne. Und jetzt auch noch du. Meinst du, die Wurst in deiner Tasche habe ich fürs Verlieren gekriegt?“

Habe ich dann halt meinen Mund gehalten. Deswegen mache ich mir heute noch Vorwürfe. Wenn ich das Thema nicht  ganz so schnell fallen gelassen hätte. Wenn ich… vielleicht hätte ich ja bloß…womöglich wäre es dann… aber nein. Nein, nein und nochmals nein! Der Isi konnte halt nun mal einfach nicht verlieren. Ums Verrecken konnte der das nicht.

Der Tag am Bahnhof war das letzte Mal, dass ich den Isi gesehen habe. Denn schon drei Tage später ist es passiert. Da ist der Klausen fuchsteufelswild geworden. Genau, wie Schlomo, Fritzchen und ich es befürchtet hatten. Oder nein, nicht genauso. Sondern viel, viel schlimmer. Der Klausen wollte den Isi nämlich nicht einfach nur abstrafen, er wollte ihn ganz und gar am Boden sehen. Mit einem Streich sollten der Heilige von Dachau und der König der Pokerspieler gleichzeitig vernichtet werden. Nichts sollte von dem anmaßenden kleinen Saujuden übrig bleiben, am wenigsten sein guter Ruf. Und darum hat der Klausen sich richtig was einfallen lassen. Ich verstehe bis heute nicht, wie ein Mensch auf eine solche Idee kommen kann. Naja, wahrscheinlich hat der Klausen wochenlang jede Nacht über nichts anderes nachgedacht.

Ich war bei der Aktion selbst ja nicht dabei, denn sie fand nachts in Baracke 11 statt. Gott sei Dank war ich nicht selbst dabei, aber man hat mir alles so oft und so genau erzählt, dass ich manchmal denke, ich wäre doch dabei gewesen. Wie ein Rollkommando sind der Klausen und drei seiner Kumpane in der Baracke 11 eingefallen. Mitgebracht haben sie einen kleinen Holztisch, zwei Klappstühle und Tasso, das bösartigste Vieh von einem Schäferhund, das je auf Gottes Erdboden gewandelt ist. Dann mussten sich alle Bewohner der Baracke 11 nackt ausziehen und in einer Reihe aufstellen. Nur der Isi nicht, der sollte es sich auf einem der Stühle bequem machen. Genau das hat der Klausen damals gesagt:

„Mach es dir auf einem der Stühle bequem, Isi. Heute spielen wir mal wie richtige Männer.“

Der Klausen hat seine mindestens 100 Kilo Lebendgewicht gegenüber von Isi platziert und ein Päckchen Spielkarten aus seiner Tasche gezogen. Dann hat er noch zweimal 100 Reichsmark in Münzen auf den Tisch gelegt, außerdem eine schwarz glänzende Pistole.

„Weil du doch so ein toller Spieler bist und gegen einen Amateur wie mich dauernd gewinnst, befürchte ich, dass dich unsere kleinen Partien in der Zwischenzeit bestimmt langweilen. Und was macht ein Spieler, wenn ihm langweilig wird? Na, Isi?“

Der Isi hat stur auf die Tischplatte gestarrt und auf seiner Unterlippe gekaut.

„Wenn du bei drei keine Antwort hast, erschieße ich einen deiner hässlichen Judenfreunde. Also. Eins. Zwei…“

„Er erhöht den Einsatz.“

Isis flüstern war kaum zu hören. Trotzdem hat ihn jeder im Raum verstanden.

„Ganz genau. Er erhöht den Einsatz. Also habe ich mir den Kopf zerbrochen, was für ein Einsatz so einen super Spieler wie dich reizen könnte. Mir war klar, dass wir heute nicht wieder nur um Brot oder Würste spielen können, nicht wahr?“

„Wieder um Würste – der war gut, Schorsch“, kicherte einer von Klausens Freunden.

„Maul halten, Brockmüller!“, brüllte der Klausen und bekam einen ganz roten Kopf. Wieder zum Isi gewandt, mit dem allerfreundlichsten Lächeln, sagte er:

„Dann hatte ich eine wortwörtlich reizende Idee, weißt du? Heute setze ich nämlich die mickrigen Schwänze meiner Judenschwuchteln hier gegen dein mickriges Leben. Immer noch ein mickriger Einsatz, ich weiß. Bitte entschuldige. Ich kann nur sagen, dass ich von ganzem Herzen hoffe, du wirst das Spiel trotzdem spannend finden.“

Auf ein Zeichen von Klausen hin, ließ der Hundeführer den knurrenden, geifernden Tasso an den Genitalien der nackten Männer schnuppern. Hätte das Biest keinen Maulkorb getragen – na, das können Sie sich ja selbst denken. Man hat mir erzählt, dass die Männer in Baracke 11 gezittert hätten wie Espenlaub. Und das mitten im August.

„Damit wir uns auch richtig verstanden haben und für die Herrschaften im Publikum zum Mitschreiben: Wenn ich keine Münzen mehr habe, verlieren die Itzaks  hier ihre Pimmel – aber du behältst dein Leben. Falls du keine Münzen mehr hast, bekommt Tasso heute kein Leckerli – dafür der gute Isi eine Kugel in den Kopf. Ist doch schön einfach und klar, oder?“

Der Isi hat genickt, die Wärter haben gegrinst und der Klausen hat die Karten ausgeteilt. Ein paar Spiele lang ging es hin und her, nur wenige Münzen wechselten den Besitzer. Dann hatte der Klausen wohl eine gute Hand und hat erhöht. Der Isi hat nochmal erhöht und der Klausen wieder. Da hat der Isi den ganzen Stapel Münzen vor sich in die Mitte des Tisches geschoben und gesagt:

„Ich setze alles“

„Will ich sehen!“, hat der Klausen gerufen und ebenfalls all seine Münzen in die Mitte geschoben. Sein Gesicht war eine Maske des Triumpfs, als er sein Blatt aufgedeckt hat: Drei Könige und zwei Neunen, ein Full House.

„Kann ich nicht schlagen“, hat der Isi gesagt, seine Karten weggeworfen und dem Klausen fest in die Augen geschaut. Ich stelle mir gerne vor, dass er dabei sein tapferstes Ist-Lächeln gelächelt hat: irgendwie schief und ein bisschen traurig. Der Klausen hat jedenfalls keinen Moment gezögert, die Waffe genommen und dem Isi mitten in die Stirn geschossen. Dann ist er aufgestanden und samt seiner Freunde und dem Hund gegangen. Einfach so, ohne ein weiteres Wort. Spielerehre, schätze ich.

Die Männer von Baracke 11 haben Minuten gebraucht, ehe sie glauben konnten, dass sie wirklich mit dem Leben davon gekommen waren.  Sind einfach weiter nackig dagestanden und haben nicht aufhören können, zu zittern. Irgendwann haben sie einer nach dem anderen ihre gestreiften Pyjamas wieder angezogen und sich ans Aufräumen gemacht. Fritzchen war derjenige unter ihnen, der schließlich Isis Karten umgedreht hat. Als er sie gesehen hat, ist er weinend zusammengebrochen. Das haben mir später alle bestätigt. Genau wie Isis Blatt: er hatte vier Asse und hätte haushoch gewonnen.

Und hat er das nicht irgendwie? Haushoch gewonnen, meine ich. Als es dem Isi zum ersten Mal gelungen ist, einen Verlust zu akzeptieren, hat er am Ende haushoch gewonnen. Unter dem Strich, meine ich. Oder auch nicht. Was meinen Sie? Ist das nicht zum Verrecken komisch? Er war halt ein verrückter Hund, der Isi. Hatte ich das schon erwähnt?

 

ENDE

 

Eine Reminiszenz an Jurek Beckers großartigen Roman „Jakob der Lügner, gewidmet meinem Großvater Isidor.

 
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