Labiner Therapeut

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SLEEPWORKERS

von Michael Labiner

Zeit ist Geld

Der Verkäufer hinter dem beeindruckenden Mahagonischreibtisch konnte Angst erkennen, wenn er sie sah. Unter der Furcht findet man meistens die Gier, das wusste er nur zu genau. Und dieser Kunde stank förmlich nach Angst. Zeit für einen beruhigenden Tonfall.

„Sie schlafen einfach. Und garantiert keine Alpträume, gar keine Träume. Tiefer, erholsamer und traumloser Schlaf, das ist alles.“

„Woher wissen Sie das?“

„Bitte?“

„Woher Sie das wissen. Ich meine, Sie sitzen hier. Sie werden es kaum selbst ausprobiert haben. Oder doch?“

Der Verkäufer dachte nach, während er scheinbar gelangweilt mit einem Stift auf die geschlossene Akte vor sich klopfte. Er legte das Schreibgerät sorgsam beiseite und zog die Mappe bedächtig zu sich heran. Dann eben eine härtere Gangart, dachte er, während er den Deckel öffnete und zum Schein durch die Papiere blätterte.

„Sehen Sie das Schild da an der Wand?“

„Welches Schild?“

„Hinter Ihnen.“

Der schmächtige Mann im Kundenstuhl dreht den langsam kahl werdenden Kopf und betrachtete ein marktschreierisch gestaltetes Holo-Plakat, das von 20 Jahren Sleepworkers – Financial Cryonetics kündete. Auf der modischen Schilftapete wirkten die Leuchtbuchstaben  des berühmten Slogans „Bei uns verdienen Sie Ihr Geld im Schlaf“ deplaziert und deshalb umso beeindruckender.

„Was ist damit?“

„Nun, Herr Druckser...“

„Drucker. Mein Name ist Drucker.“

Ein mühsam verborgenes Lächeln. Eins zu Null für den alten Freud, dachte der Verkäufer.

„Drucker, natürlich, verzeihen Sie. Also, Herr Drucker: Wir machen das hier nun seit 20 Jahren, von denen ich zwölf in dieser Firma arbeite. Wenn mir meine Weißkittel also sagen, dass der Schlaf traumlos ist, dann brauche ich es nicht selbst auszuprobieren, um ihnen zu glauben.“

„Warum wollen Sie es eigentlich nicht ausprobieren? Wenn diese Frage nicht zu persönlich ist...“

„Aber keineswegs, Herr Drucker. Sehen Sie, ich habe Familie. Eine Frau und zwei entzückende Töchter.“

Die Lüge ging ihm glatt wie immer von der Zunge. Was gingen diese Idioten seine privaten Verhältnisse an? Aber der Spruch von der einen Frau und den beiden Töchtern verfehlte seine Wirkung nie. Auch diesmal nicht.

„Sicher, na klar. Hätte ich mir denken können. Dumme Frage.“

Gewinnendes Lächeln, großzügiges Verzeihen. Vertauen erweckendes Blättern in der dicken Akte, die zu einem großen Teil aus leeren Blättern bestand.

„Sie hatten auch Familie, wie ich hier lese, Herr Drucker. Mein tiefstes Mitgefühl.“

Der Verkäufer sah nun aus wie ein Leichenbestatter: ganz Anteilnahme. Der kleine Mann vor ihm hingegen wirkte wie geohrfeigt, er wand sich in seinem Stuhl. Der Tonfall wurde um gute zehn Grad kälter.

„Danke. Das ist lange her.“

Jetzt nur kein Mitleid, schoss es dem Verkäufer durch den Kopf. Umsatzsicherungsrichtlinien, gleich im ersten Kapitel: Nichts ist förderlicher für den Konsum als Isolation.

„Ja, es ist lange her. Vier Jahre, wie ich hier sehe. Natürlich ist so ein Unfall eine schreckliche Tragödie, nicht wahr? Aber das Leben geht weiter, habe ich Recht? Die Frage ist nun, wie Ihres weiter gehen soll, Herr Drucker. Sie sind jetzt 46 Jahre alt. Wollen Sie den Rest Ihres Lebens heute beginnen, oder später als schwer reicher Mann?“

„Nun, ich...“

„Sie sind Controller bei Cy-Tek, ja?“

„Seit ziemlich genau 26 Jahren“

„Und Sie sind allein stehend. Sie leben in einem relativ bescheidenen Apartment  im Tec-District. Sie gehen kaum aus, haben so gut wie keine Freunde, so gut wie keine sozialen Bindungen. Ist das Ihr Leben, Herr Drucker? Soll es das wirklich gewesen sein? Mehr wollen Sie nicht?“

Der Beruf stand in der Akte, alles andere war geraten. Ein Volltreffer, natürlich. So war es schließlich immer, andernfalls säße der schüchterne Glatzkopf  gar nicht vor ihm auf diesem Stuhl.

„Sie haben ja Recht, mein Gott. An Silvester habe ich mir selbst zugeprostet, das ist kein Leben!“

„Sage ich doch. Aber wenn Sie das nächste Mal Silvester feiern, dann auf ihrer eigenen Jacht und bestimmt nicht ohne angenehme Begleitung. Dann werden Sie an Neujahr 2050 zurück denken und dem lieben Gott danken, dass Sie damals auf mich gehört haben.“

„Kann schon sein, aber irgendwie habe ich halt doch so meine Bedenken. Nicht nur wegen des Schlafs, auch wegen des Geldes. Klar, in der Broschüre liest sich das alles ganz toll – fast schon zu schön, um wahr zu sein. Das kostet mich jetzt echt keinen Credit?“

„Nicht einen.“

„Erst am Ende kriegt Ihre Firma 20 Prozent vom Gesamtvermögen, ja? Nicht, dass ich handeln wollte, das ist nur fair. Aber wie finanzieren Sie dann den ganzen technischen Aufwand?“

Vertrauter Boden, nur noch wenige Schritte bis zur Unterschrift. Der Verkäufer holte in Gedanken bereits den Vertrag aus der Schublade, währen sich seine Hände wie von selbst auf der Tischplatte falteten und die Worte ohne nennenswerte Unterstützung des Gehirns von seinen Lippen flossen.

„Versicherungen, Gegenfinanzierungen, vor allem Subventionen. Eine Menge verwirrender Verwaltungskram. Im Einzelnen weiß ich es ehrlich gesagt nicht so genau, die große Linie ist jedoch für jeden klar ersichtlich. Wir legen Ihre Ersparnisse in vollem Umfang für Sie an, mit Zins und Zinseszins verdoppelt sich der Betrag etwa alle zehn Jahre. Wenn Sie also, sagen wir mal, 100.000 Credits haben und sich für, sagen wir mal, 50 Jahre Kälteschlaf entscheiden,  dann wachen Sie rechtzeitig zu Silvester 2100 mit rund drei Mios auf dem Konto wieder auf. Abzüglich unserer Provision bleibt ein stolzes Sümmchen. Und das steuerfrei, da Sie der Regierung ganz nebenbei behilflich sind, die Überbevölkerung in den Griff zu bekommen.“

„Das verstehe ich nicht. In 50 Jahren sind es dann doch genau so viele Menschen wie bisher, vermutlich sogar noch mehr.“

„Aber, nein! Wir gehen vielmehr davon aus, dass die Cryo-Branche zukünftig noch größere Wachstumsraten aufweist. Denn bereits heute lassen sich jedes Jahr mehr Menschen in temporal begrenzten Kälteschlaf versetzen. Und das aus den verschiedensten Gründen. Die Hoffnung auf bessere medizinische Versorgung oder finanzielle Vorteile sind da nur zwei Beispiele von vielen. In 50 Jahren mag also ein Großteil der Bevölkerung in solchen Instituten untergebracht sein. Bei minimalem Ressourcenverbrauch, denn während unserer Obhut benötigt Ihr Körper so gut wie keine Nahrung, kaum Wasser und Sauerstoff.“

„Ja, doch, das leuchtet ein. Andererseits: Jeden Tag kann man im Netz lesen, dass das Wirtschaftswachstum nicht hoch genug ist. Wer soll es aber steigern, wenn die Leute schlafen, anstatt zu konsumieren?“

Ein ganz Schlauer, dachte der Verkäufer. Dabei wusste die Antwort doch praktisch jedes Kind. Große Worte, große Gesten.

„Ein berechtigter Einwand, Herr Drucker. Ich mag Kunden, die mitdenken! Denn nur, wer aufmerksam die Net-News verfolgt, weiß auch, dass unsere große Nation unter Präsident Keppler wahrhaftig eine Triebfeder der Globalisierung ist. Und warum ist sie das? Weil Auslandsinvestitionen der Schlüssel zum Wirtschaftswachstum im Inland sind, darum. Schließlich müssen große Teile der Weltbevölkerung noch immer leben,  ohne die Segnungen der westlichen Zivilisation in vollem Umfang genießen zu können, nicht wahr? Dass das kein wünschenswertes Leben für die Ärmsten ist, wissen wir. Ergo wissen wir auch, dass weltweit noch viel Bedarf für unsere Konsumgüter besteht. Und deren Produktion wiederum garantieren nicht zuletzt die Gelder unserer Schläfer. Aber wem sage ich das? Einem klugen Kopf wie Ihnen muss man das sicher nicht groß erklären.“

„Natürlich nicht, wofür halten Sie mich?“

Na also, das hatte gesessen. Thomas Drucker rang mit sich, das war kaum zu übersehen. Jetzt war der Moment, um den Sack zuzumachen. Mit verschwörerischer Miene beugte sich der Verkäufer über den Schreibtisch, seinem schwitzenden Opfer entgegen.

„Ich empfehle Ihnen ja 60 oder 70 Jahre zu wählen, da die Potenzierung des Kapitals jedes weitere Jahrzehnt quasi vergoldet. Nach 70 Jahren stünden Ihnen bereits um die 13 Millionen Credits zur Verfügung.  Damit kann man schon etwas anfangen, nicht wahr? Gleich überhaupt, weil bei langfristigen Unternehmungen wie diesem die staatliche Zinssicherungsgarantie greift. Präsident Keppler verbürgt sich sozusagen heute persönlich dafür, dass Sie in 70 Jahren mit dem vollen Betrag ein neues Leben anfangen können.“

Pause. Zeit, das Opfer nachdenken zu lassen. Den Rest würde die gute alte Gier erledigen. Doch dann gelang es Drucker, den Verkäufer doch noch zu überraschen.

„Also gut, ich mache es. Aber wenn schon, dann richtig. Was ist die längste Zeitspanne, die Sie zu bieten haben?“

„Das, äh, wären 500 Jahre. Allerdings...“

„500 Jahre?! Wenn ich da die Zinsen...gar nicht auszurechen! Ich wäre vielleicht der reichste Mann der Welt, das könnte mir gefallen.“

„Natürlich, sehr reizvoll. Ich muss Ihnen aber sagen, dass wir eine so lange Zeitspanne noch nie offeriert haben, unser Angebot endete bislang bei 100 Jahren. Erst die allerneueste Business-Planung ermöglicht ein derart langfristiges Engagement.“

Sollte er ihm von den kaum verhohlenen Warnungen der medizinischen Abteilung erzählen, die das entsprechende Dossier in seiner Schublade enthielt? Der Verkäufer benötigte nur einen Sekundenbruchteil, um sich dagegen zu entscheiden: Bei dem Vertriebs-Meeting am letzten Donnerstag hatte der Chairman nur wenig Zweifel daran gelassen, wie sehr Sleepworkers an Aspiranten für das Langzeitprogramm interessiert sei. Am überzeugendsten hatte in diesem Zusammenhang die Prämie von 20.000 Credits gewirkt. Immerhin fand sich nicht jeden Tag ein Kunde mit Geld, der verrückt genug war, sich ein paar hundert Jahre lang aufs Ohr legen zu wollen.

„Ich habe mich entschieden. Ja, ganz klar, das ziehe ich jetzt durch. Derzeit habe ich rund 120.000 Credits auf der Bank. Wenn ich mein Auto verkaufe und auch sonst alles flüssig mache, kommen schätzungsweise 150.000 zusammen.“

Der Verkäufer zögerte nicht länger. Sein Instinkt hatte übernommen, der Anstand lag geknebelt im Keller des Unterbewusstseins. Ohne weitere Umstände holte er den Vertrag aus der Schublade und schob ihn dem Klienten zu.

„Unterschreiben Sie an den markierten Stellen und melden Sie sich am 27-sten im Sleep-Center in der City.“

Aber Drucker hatte bereits einen Stift aus der Innentasche seiner Jacke gezaubert und machte sich voller Stolz auf die eigene Courage über die Dokumente her. Unglaublich, der Verkäufer sah ihm mit fassungslosem Staunen zu. Als der Kunde aufblickte, hatte er sich längst wieder im Griff. Ein sonniges Lächeln, eine ausgestreckte Hand.

„Lassen Sie mich dem zukünftig reichsten Mann der Welt die Hand schütteln. Und schlafen Sie gut, Sie Glückspilz!“

Wer Wind sät

N`Challa Sung weinte, und Tausende weinten mit ihr. Wen hätten ihre Tränen auch kalt lassen können? War sie nicht die Auserwählte, die Madonna des Ostens? Und würde sie ihre Brüder und Schwestern nicht in ein besseres Morgen führen? Echte Tränen der Madonna flossen auf den Großbildschirmen, die Majestät der Inszenierung berührte jedes Herz. Die Fahne im Wind. Die Getreuen an ihrer Seite, so tapfer im Angesicht des Todes. Ein Meer von Menschen, das ihr an jeden Ort folgen würde, sei es das Paradies oder sei es die Hölle. Und Gefolgschaft war es, was N’Challa Sung von ihren Brüdern und Schwestern verlangte.

„Gott liebt jene, die hungern. Gott liebt jene, die durstig sind. Gott liebt die geknechteten. Gott liebt euch!“

So begann jede Rede, seit sie die Afroasiatische Front ins Leben gerufen hatte. Wie lange war das her? Zu lange. Doch ihr Glaube war immer noch stark. Stärker sogar als in den Tagen, da sie an den Früchten der Armut zu ersticken glaubte. Stärker noch als ihr Hass auf den Westen, der sich seit Menschengedenken am Elend des Ostens mästete. Mit großer Klarheit sah sie, was sie zu sagen, was sie zu tun hatte.

„Doch jene, die das Brot von unseren Tischen stehlen, indem Sie unsere Felder vergewaltigen, liebt Gott nicht! Jene, die das Wasser unserer Meere vergiften, indem sie es mit dem Ausfluss ihrer Fabriken verseuchen, verachtet er! Und so sage ich euch: Jene, die heute noch die Herren sind, werden morgen schon die Knechte sein!“

Nicht enden wollender Jubel. Verzückte Gesichter, leuchtende Augen. Sie wollte, was diese Menschen wollten. Endlich Freiheit für ihr geliebtes Volk und endlich Freiheit für sich.  Endlich die gerechte Strafe für den Teufel im Westen. N’Challa Sung hob die Hände und richtete ihren Blick zum Himmel. Sofortiges Schweigen, als hätte man einen Schalter umgelegt.

„Lass deinen Segen regnen auf die Diener deines Willens. Wir sind die Armee Gottes, wir sind deine Heerscharen auf Erden. Wir bitten dich: Sei mit deinen Kriegern auf dieser heiligen Mission. Gib ihren Seelen Mut und ihren Fäusten Kraft.“

Mehr als Mut und Kraft würde nicht mehr erforderlich sein, denn das Geld für den Feldzug war aus den Kassen Kepplers geflossen. Welche Ironie! Dumm war der große Präsident in seiner Gier - er wusste nicht, dass er mit seinem schmutzigen Geld bei ihr nur den Tod seiner eigenen Leute kaufen konnte. So wie er den Tod ihrer Familie gekauft hatte, als er Waffen an ihre Feinde im Land geliefert hatte. So wie er nicht gewusst hatte, dass die Schweine ihr Wort niemals halten würden. Nachdem Sie die Erde ihrer Bauern an westliche Firmen verschachert hatten, damit diese Tabak statt Reis darin pflanzen konnten, hatten sie sie sich wieder geholt, und Opiumfelder daraus gemacht. Wann wäre genug je genug gewesen?

„Der Herr sprach: Wer Wind sät, soll Sturm ernten. Und viel zu lange schon weht der giftige Wind aus dem Westen über unsere Heimat. Viel zu lange schon raubt er uns die Luft, die wir zum Atmen brauchen. Jetzt soll ein Sturm mit Blitz und Donner das  Böse hinwegfegen vom Angesicht der Erde!“

Frenetischer Jubel. Politik ist wie der Wind, dachte sie: man kann stets nur die Auswirkungen sehen. Das Opium war auf seine Art gerecht, es tötete im Westen wie im Osten ohne Unterschied. Doch die Drogen des Westens waren nicht minder verführerisch – und nicht minder tödlich für ihr Volk. All die schönen Autos fuhren dem Blut ihrer Brüder, nicht mit Öl. All die großen Häuser wurden aus den Leibern ihrer Schwestern gebaut statt aus Stein.

„Lasset uns beten: Herr, du bist groß. Herr du...“

Aber ihre Gedanken waren nicht bei Gott, sondern bei seinem Widersacher, dem Teufel im Westen. Keppler musste ja doch wissen, wofür seine finanzielle Unterstützung ihrer Sache verwendet wurde. Warum sonst flössen die Gelder nur durch die geheimsten Kanäle? Und nannte man sie im Netz nicht die „Madonna des Terrors“? Ja, Politik. Aber die Ermordung der eigenen Leute finanzieren? Welcher Vorteil daraus auch erwachsen mochte, dieses Verbrechen schien so ungeheuerlich - zu groß selbst für Satan persönlich.

„Lasst uns mit tapferen Herzen nun Abschied nehmen.“

N’Challa Sung blickte auf den Mann zu ihrer Rechten, dann auf den zu ihrer Linken. Sanft legte sie ihre Arme um die schmalen Schultern. Hunderte sahen die Liebe in den Augen der Madonna. Wie hätte die Auserwählte diese Märtyrer auch nicht lieben können? Waren nicht sie es, die ihr Leben für die gerechte Sache opfern würden? Und gerecht war die Sache allemal. Wenn man als Selbstmordattentäter nicht in den Himmel kam, an den sie so gerne glauben wollte, wie dann? Denn in einem Punkt war sich N’Challa Sung mit Präsident Keppler einig: Was nichts kostet, ist nichts wert.

„Preiset diese beiden Männer. Ihnen ist jetzt schon im Paradies der Tisch bereitet. In wenigen Tagen werden sie ihren Platz an der Seite des Allmächtigen einnehmen. Sie sind es, für die wir beten. Sie sind es, die das mächtigste Symbol unserer Feinde mit Feuer und Schwert stürzen werden. Sie sind die Sturmbringer!“

Am Ende war es egal. Auch die Zweifel, die sie so viele Nächte wach hielten: egal. Am Ende gab es eben keine Unschuldigen, allenfalls Ungläubige. Mitgefühl konnte sich die Führerin der Afroasiatischen Front nicht leisten. Sie war nicht wie die schwachen, gierigen Männer aus dem Westen. Sie war N’Challa Sung, die Madonna des Ostens. Sie war die Auserwählte. Sie hatte einen heiligen Krieg zu führen.

„Betet für diese Helden der Bewegung, wenn sie ihr Leben geben, um den Tempel westlicher Gier in Schutt und Asche zu legen. Mögen die darin schlafenden Götzen des Mammons unter Qualen verbrennen, denn sie sind es, die unsere Lebenskraft aussaugen!“

Ehrfurcht überwältigte sie, als es aus allen Kehlen schallte:

„Nieder mit den falschen Göttern! Nieder mit ihrem Tempel!  Nieder mit Sleepworkers!“

Angebot und Nachfrage

Der Verkäufer hinter dem beeindruckenden Mahagonischreibtisch konnte Angst erkennen, wenn er sie sah. Unter der Furcht findet man meistens die Gier, das wusste er nur zu genau. Und dieser Kunde stank förmlich nach Angst. Zeit für die kleine Ansprache.

„Da kann ich Sie nun wirklich völlig beruhigen. Nach dem katastrophalen Anschlag hat Sleepworkers schnell und unbürokratisch reagiert; es wurden umgehend geeignete Maßnahmen ergriffen. Wer glauben Sie, hat Kepplers Feldzug gegen den internationalen Terrorismus großzügig unterstützt? Wir haben mehr als unseren Beitrag geleistet, als es darum ging, N´Challa Sung und ihre Mörderbande von der Afroasiatischen Front um die halbe Welt zu jagen! Wir sind ja auch quasi ein gemeinnütziges Unternehmen. Der Präsident weiß, dass er in uns einen verlässlichen Partner hat, so wie wir uns auf ihn verlassen können. Und auch Sie können sich auf uns verlassen: Sleepworkers hat zusätzliche Milliarden in die Friedenssicherung vor Ort gepumpt. Bei uns sind sie sicherer als an jedem anderen Ort auf der Erde, dafür garantiere ich persönlich!“

„Ich weiß nicht. Das sollte ich mir noch mal überlegen.“

„Nur zu, überlegen sie. Aber bitte überlegen Sie auch, dass Sie nicht jünger werden. Und als Tattergreis hätten Sie nicht mehr viel von Ihrem Reichtum, nicht wahr?“

„Schon, aber...“

„Wie ich sehe, werden Sie im November bereits 50 Jahre alt.“

Der Verkäufer blickte sorgenvoll in die Aktenmappe, welche er seit geraumer Zeit in den frisch manikürten Händen hielt. Dann entschloss er sich, dem Zauderer mit einer kleinen Notlüge auf die Sprünge zu helfen.

„Über dem 50-sten Lebensjahr nimmt Sleepworkers nur noch in Einzelfällen Kunden an, wissen Sie? Sehen Sie mich nicht so an, kein Grund zur Sorge. In Wahrheit sind die gesundheitlichen Risiken weitaus geringer als bei einer herkömmlichen Narkose. Aber Versicherungen neigen nun mal zu übertriebener Vorsicht, was soll man machen?“

„Trotzdem, da möchte ich zumindest noch mal drüber schlafen.“

„Ha, noch mal drüber schlafen, das ist gut.“

„Das sollte kein Witz sein. So eine Entscheidung trifft man nicht überstürzt.“

Humorloser Trottel. Es half alles nichts, der Verkäufer musste jetzt sein stärkstes Geschütz auffahren. Er setzte eine verschwörerische Miene auf und senkte die Stimme zum Flüstern.

„An sich dürfte ich Ihnen das gar nicht sagen. Aber Sie sind so sympathisch, da möchte ich mit offenen Karten spielen. Wussten Sie eigentlich, dass der Anschlag auf das alte Sleep-Center sozusagen, äh, auch sein Gutes hatte? Unsere Klienten sind ja meist alleinstehend, weshalb das Vermögen der Opfer des schrecklichen Unglücks überwiegend an unsere Firma fiel. Und bei über 5000 Toten braucht man kein Wirtschaftsgenie zu sein, um sich vorstellen zu können, dass wir hier von einem beträchtlichen Betrag sprechen.“

„Gewiss. Aber was hat das mit mir zu tun?“

„Nun, natürlich geben wir diesen, äh, überraschend zustande gekommenen Finanzüberschuss gerne an unsere Kunden weiter. Mit anderen Worten kann ich Ihnen – wenn Sie sich jetzt gleich entscheiden – ein Prozent mehr Zinsen als bisher üblich anbieten!“

Binnen Sekundenbruchteilen hatte der Kunde ausgerechnet, um wie viel schneller er um wie viel reicher werden würde. Ein verzücktes Lächeln umspielte seine Mundwinkel und er merkte gar nicht, dass er bereits nach dem Stift in der ausgestreckten Hand des Verkäufers griff. Ein Prozent mehr Zinsen! Die Verheißung einer goldenen Zukunft. Wer kann zu einem solchen Angebot schon nein sagen?

 
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