Labiner Therapeut

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Zen und die Kunst des Pokerspiels

Karten und Konflikte – eine Jahrhunderte alte Zweckgemeinschaft
von Michael Labiner
 

Verstohlene Blicke, gegenseitiges ein- und abschätzen: die Kontrahenten belauern sich. Man will Stärke demonstrieren, den Gegner einschüchtern, um ihm Kraft und Energie zu rauben.  Erträglich ist das Leben nur auf der Siegerstrasse, darüber herrscht Konsens. Einmal dort angekommen, sonnt man sich in Gefühlen von Macht und Überlegenheit, wie in einem Solarium – in dessen Schatten die Verlierer über den Verlust ihres Selbstwerts grollen. Doch die Rollen können jederzeit getauscht werden, denn jeder Konflikt ist ein Nullsummenspiel. Das macht ja die Sache so spannend, das wissen nicht nur Pokerspieler...

 

Allerdings sind Pokerspieler gegenüber Otto Normalstreiter in mancherlei Hinsicht im Vorteil, trainieren sie ihre Konfliktbewältigungsstrategien doch sozusagen innerhalb eines geschützten Rahmens. Wer am Kartentisch verliert, ist am Ende schlimmstenfalls sein Geld los – in den Auseinandersetzungen mit dem Partner, Kind, Chef, Mitbewerber oder was das Leben sonst noch an vermeintlichen Gegenspielern bereit hält, wird zumeist um weitaus höhere Einsätze gezockt. Seit dem 15. Jahrhundert gibt es das Pokerspiel bereits (der Name leitet sich übrigens von „Pochen“, dem altdeutschen Wort für prahlen ab) und es verwundert, wie wenig dessen Erkenntnismöglichkeiten bisher gewürdigt wurden. Oder vielmehr wie einseitig: In den USA ist es ein geflügeltes Wort, dass ein guter Präsident auch ein guter Pokerspieler sein müsse. Dass ausgerechnet politische Figuren wie Richard Nixon (von dem überliefert ist, dass er seine Wahl in den Kongress mit einem Pokergewinn finanziert hat) und George W. Bush in der Tat als gewiefte Kartenhaie bekannt sind, belegt, wie unbewusst im Allgemeinen mit der Thematik umgegangen wird. Denn gerade weil beim Pokern alle Stärken und Schwächen des eigenen Egos wortwörtlich auf den Tisch kommen, eröffnet sich in der Selbstbeobachtung eine Fülle von Möglichkeiten, die weit über das Training von schierer Durchsetzungskraft hinausreicht. Ich würde sogar so weit gehen, das Pokerspiel als therapeutische Übung zu betrachten, die uns dabei unterstützen kann, egozentrische Verhaltensmuster aufzuzeigen und zu transzendieren!


Der große Bluff


Im Bewusstsein der Allgemeinheit haben sich, vermutlich durch entsprechende Darstellung in Filmen und anderen Unterhaltungsmedien, zwei Ansichten über das Pokerspiel etabliert, die beide nicht den Tatsachen entsprechen. So gilt Poker als Glücksspiel und ist darum auch in Deutschland illegal. Tatsächlich handelt es sich überhaupt nicht um ein Spiel im engeren Sinne, sondern über eine festgelegte Abfolge von Wetten: Basierend auf  der Auswertung vorliegender Informationen (das eigene Blatt in Relation dazu, wie viele Karten von den Mitspielern nachgekauft wurden bzw. welche offen liegen, welche Wetten bereits von wem zu welchem Zeitpunkt getätigt wurden usw.) versucht man Konstellationen möglichst korrekt vorherzusehen, zu bewerten und angemessen zu handeln. Glücksspiel? Von wegen: Im Grunde nichts anderes, als das, was wir Leben nennen. Ein Beispiel: Wie wird meine Frau reagieren, wenn sie von meinem Seitensprung erfährt? Was weiß sie bereits? Soll ich lügen, leugnen oder mit der Wahrheit herausrücken? Wie im Pokerspiel ist auch hier ein Bluff in den seltensten Fällen die erfolgversprechendste Strategie, was uns zur zweiten der erwähnten Fehleinschätzungen bringt. Beim Pokern geht es keineswegs darum, einfach nur mit tunlichst unbewegter Miene tunlichst hohe Einsätze zu tätigen.  Dieser Gedanke ist ebenso naiv wie der, als Gelegenheitsspieler mit Kartenglück gegen einen Profi-Zocker gewinnen zu können. Nein, unter erfolgreichem Pokern versteht man die Fähigkeit, seine Möglichkeiten auszuschöpfen. Ein guter Spieler reagiert daher weniger auf den tatsächlichen Ist-Zustand als auf das jeweilige Potential der Situation – und setzt so alle weniger (nerven-) starken Kontrahenten derart unter Druck, dass diese zumeist das Handtuch bereits geworfen haben, ehe die letzte Karte auf dem Tisch liegt.


Es geht also darum, zu Siegen, bevor die eigenen Schwächen offenbar werden. Insofern dürfte ein erfolgreicher Pokerspieler wohl wirklich auch als Politiker oder Manager erfolgreich sein. Freilich nur, sofern der Erfolg ausschließlich über das eigene Fortkommen im Sinne einer Ellenbogenmentalität definiert wird. Ein Machtkampf reinsten Wassers, packend, aber eben auch das klassische Nullsummenspiel: Was ich dazu erhalte, verliert ein anderer – und umgekehrt. Am Pokertisch ist das Ganze nie mehr als die Summe seiner Teile, eher im Gegenteil. Das Casino oder der sonstige Veranstalter ist an jedem Gewinn mit einem kleinen Prozentsatz beteiligt, wodurch die vorhanden Ressourcen unabhängig von Gewinn und Verlust des einzelnen immer weniger werden. Auch dies ein Spiegel unserer Gesellschaft, in der um Rohstoffe und Lebensgrundlagen „gespielt“ wird, deren Bestand unterdessen stetig abnimmt. Der solcherart manifestierte Mangel verschärft nach und nach den Konkurrenzkampf , was sich im Großen wie im Kleinen, im Innen wie im Außen bemerkbar macht. Ob Politik oder Wirtschaft, ob Privat- oder Berufsleben, es gilt, individuelle Mechanismen und größere Zusammenhänge zu durchschauen, um befriedigende Veränderungen herbeizuführen. Und genau dabei kann uns (sogar) das Pokerspiel helfen!


Alles nur Illusion


Warum das Spiel also nicht als Spiegel verwenden? Warum sich nicht einmal ganz bewusst einer Situation aussetzen, der wir nahezu täglich unbewusst ausgesetzt sind? Anstatt den Konflikt zu meiden, suchen wir ihn innerhalb des klar abgesteckten Rahmens eines Spiels. Bereits bei der Vorentscheidung treten Prägungen deutlich zutage: Macht es mir Freude, mich mit anderen zu messen, oder kann/will ich mir einen Wettstreit noch nicht einmal im Spiel erlauben/zumuten? Kommen bei diesem Gedanken Gefühle von Unterlegenheit oder von Überlegenheit hoch? Sehe ich zu Beginn in meiner Vorstellung eher Gewinn oder Verlust vor mir, kochen etwa gar Existenzängste hoch? Am Tisch können wir dann beobachten, ob und wie sich unsere Einstellung zu den Mitspielern im Laufe der Partie ändert. Wer war mir eingangs sympathisch, wer weniger – und vor allem warum? Wenn ich ein paar mal gegen denselben Mitspieler verliere, was macht das mit mir? Ab welchem Zeitpunkt beginne ich, in den Gewinnern womöglich meine Feinde zu sehen? Habe ich das Gefühl, besser zu sein als ein Verlierer am Tisch? Und was empfinde ich in jenen Phasen, in denen ich plötzlich der Verlierer bin? Wie ertrage ich es, gegen ausgerechnet jenen Kontrahenten zu verlieren, von dem ich doch nun genau „weiß“, dass er ein schwächerer Spieler als ich ist? Wie gehe ich mit der Frustration der anderen um, die sich vielleicht sogar in Aggression äußert? Was spüre ich selbst, wie verleihe ich meinen Gefühlen Ausdruck? Bin ich in der „Hitze des Gefechts“ überhaupt noch fähig, mich und meine Umgebung angemessen wahrzunehmen?


Sollten Sie die letzte Frage für sich verneinen müssen, ist das halb so schlimm: Nach dem Spiel ist noch Zeit genug zur Analyse. Hauptsdache, Sie durchschauen irgendwann die Illusion. Denn genau darum handelt es sich beim Pokern, wie bei vielen anderen Lebenssituationen auch– um Illusionen, die unser Ego erzeugt. Ob verärgerter Ehepartner, hochnäsiger Chef  oder der unsympathische Typ am Pokertisch, der eben noch so freundlich zu sein schien; sie alle sind nur Projektionen des Ichs auf der Leinwand unserer Wahrnehmung. Allein in unserer ureigenen Gedanken- und Gefühlswelt sind die anderen das, was sie zu sein scheinen. Wie es in deren Gefühls- und Gedankenwelt aussieht, bleibt für uns ebenso spekulativ wie die Erfahrung einer objektiven Wirklichkeit den Erleuchteten unter uns überlassen bleibt. Karten sind nur Kartons mit Symbolen, Geld ist nur bedrucktes Papier und selbst mein schlimmster Gegner ist nur ein nur Mensch mit Schwächen und Ängsten. Ja, sicher. Aber das zu erkennen, fällt oft furchtbar schwer, meist ist es uns sogar unmöglich. Was auf dem Weg zur Erfüllung wirklich zählt, ist darum, dass wir uns die Grenzen unserer Wahrnehmung stets aufs Neue bewusst machen. So und nur so lassen sie sich immer weiter ausdehnen und vielleicht eines Tages sogar gänzlich durchbrechen. Ein wahrhaft lohnender Prozess, bei dem uns jedes Hilfsmittel recht sein sollte, auch das Pokerspiel!


Zusatz-Info: Royal Flush & Co.

In den vergangenen 400 Jahren hat sich eine große Anzahl unterschiedlicher Poker-Varianten entwickelt, die in vier Klassen unterteilt werden können: „Draw Games“  sind hierzulande wohl am bekanntesten (zu sehen in vielen Western) und werden mit verschlossenen Karten gespielt, von denen einige zwischen den Wettrunden ausgetauscht werden dürfen. „Stud Games“ spielt man mit teilweise offenen Karten, von denen jeder Teilnehmer pro Wettrunde zusätzliche erhält.  In den „Shared-Card-Games“ wiederum gewinnt die bestmögliche Kombination aus den eigenen verdeckten und einer Anzahl von offenen Gemeinschaftskarten. Dazu kommen noch weitere Varianten, die sich unter keinem Oberbegriff zusammenfassen lassen. Allen gemeinsam ist, dass am Ende jeder Runde die höchste Kartenkombination (die Palette reicht von einem Paar bis zum sogenannten „Royal Flush“, also 10, Bube, Dame, König und As in einer Farbe) gewinnt – es sei denn, alle Spieler bis auf einen wären bereits zuvor aus den Wetten ausgestiegen.


 
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